Von Luise Wagner

Die Sahara stellt man sich als ein Meer aus weichen Sanddünen vor. Aber die marokkanische Wüste südlich des mächtigen Gebirgszuges des Anti-Atlas ist ziemlich steinig und nicht sehr fußfreundlich. Der Boden ist hart und voller Geröll und es ist eiskalt im Winter. Trotzdem kicken die Nomadenkinder aus der Sahara hier leidenschaftlich Fußball und zwar meistens barfuß.

Das tut zwar weh, aber im gleichförmigen Wüstenalltag, ist so ein Fußballspiel oft die einzige Aufregung. Tagaus und tagein ziehen sonst die Nomaden mit den Ziegenherden umher, um für ihre Tiere etwas Fressbares zu finden. Auf einem richtigen Fußballrasen hat hier noch nie jemand gespielt. Das wäre reine Verschwendung. Jeder dürre Halm Grün wird den Ziegen oder Schafen überlassen. Denn ohne ihre Tiere könnten die Wanderhirten nicht überleben.

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada


Viele der Nomadenkinder sind so arm, dass sie gar keine oder nur ein Paar Schuhe besitzen. Jetzt bringt die spanische Non-Profit Organisation Vilostrada Foundation Fußballschuhe in die Wüste. Im andalusischen Dorf Frigiliana haben Schulkinder über 200 gebrauchte und neue Schuhe über die Weihnachtstage eingesammelt.
Per 4×4 Jeep wurden die Schuhkartons von Spanien aus mehr als 1000 km weit bis in die Sahara gefahren und an dort verstreut lebende Familien und an Zeltschulen verteilt. Die Stiftung Vilostrada bemüht sich um die Verbesserung der Lebensbedingungen der Nomaden Marokkos.

“Ein Paar gebrauchte Schuhe löst hier einen echten Freudentaumel aus. Der Großteil der Welt hat vergessen, wie einfach es ist, zu helfen. Alles was es manchmal braucht, ist ein menschlicher Akt der Güte. Oder etwas zu teilen, von dem wir sowieso zu viel haben”, sagt Victoria Ahlén, Gründerin der Vilostrada-Stiftung.

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada

Im Schulzelt lernen die Kinder gerade, wie sie als Händler in einem Soukh (Markt) Schafe und Ziegen verkaufen können. Unterrichtet wird auf Arabisch und Französisch. Ein scharfer Wind zerrt an den Wänden des Stoffzeltes, Staub wirbelt umher, doch drinnen ist es gemütlich und sauber. Teppiche sind ausgelegt und die Kinder sitzen an hölzernen Tischen mit Bänken. Als der Jeep mit den Schuhkisten hält, macht der Lehrer kurzerhand Schluss. Es gibt Bescherung – die zwölf Mädchen und Jungen sitzen auf dem Teppich und probieren die gespendeten Schuhe an. Spontan wird ein Freundschaftsspiel organisiert. Mit Toren und Spielfeldrand aus aufgetürmten Steinhaufen.

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada und Luise Wagner

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Bei einem Fußballspiel passiert das, was sonst selten in der Weite der Wüste geschieht. Die weit verteilt lebenden Nomadenkinder kommen zusammen und spielen miteinander. Spielzeit ist etwas Kostbares im Wüstenalltag, der vor allem jetzt im Winter sehr hart ist. Nachts sinken die Temperaturen in diesem hochgelegenen Teil der Sahara auf die Nullgrad-Grenze und es gibt etliche Sandstürme. Jedes Familienmitglied muss hart arbeiten: Kinder müssen Feuerholz sammeln und Wasser besorgen, Frauen Brotfladen backen und Ziegen melken, die Männer mit den Kamelen umherziehen und nach Futterplätzen suchen. Ein Nomade läuft am Tag durchschnittlich 20 Kilometer zu Fuß. Die Vilostrada Foundation hat einem Nomadenclan im Dezember nun einen Solarbrunnen gebaut, der mit einer Wasserpumpe betrieben wird. Das erspart vor allem den Kindern viel Arbeit, die sonst das Wasser im Ziehbrunnen per Hand stundenlang heraufziehen müssen.

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada und Luise Wagner

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada

Die abseits der Zivilisation lebenden Nomadenfamilien können nur in absoluter Sparsamkeit und durch seit Jahrtausenden kultivierte Nachhaltigkeit überleben. Lebensmittel werden selbst produziert und Abfälle verfüttert, der Hausrat besteht aus wenigen und transportablen Gegenständen, Esel oder Kamele sind die Transportmittel. Die meisten Dinge werden immer wieder verwendet oder bekommen durch Upcycling eine neue Funktion. Alte Autoreifen werden als Eimer zusammengeklebt, aus Plastikflaschen ein Weihnachtsbaum gebastelt und aus Kamelfell ein Teppich gewoben. Wenn die Lebensbedingungen an einem Ort nicht mehr erträglich sind, brechen die Nomaden die Zelte ab und ziehen weiter. Für die Kinder bedeutet es, dass die Schulen mitziehen müssten. Die Stiftung Vilostrada will daher in diesem Jahr ein cleveres Schulsystem aufbauen, dass sich dem mobilen Leben der Nomaden anpassen kann.

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada und Luise Wagner

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“Das ist eine Riesenherausforderung für uns”, sagt Victoria Ahlén. Denn nun sollen die Nomaden erstmals mit moderner Technologie konfrontiert werden. Dazu kommen gebrauchte Smartphones und Tablets in die Nomadenzelte, damit auch Frauen und Kinder Schulbildung erhalten. Den Aktivisten ist bewusst, dass dies eine enorme Änderung der Lebenswelt bedeutet. Doch bereits jetzt sind Mobiltelefone der ersten Generation weit verbreitet unter den Nomaden und in Kürze werden Smartphones ohnehin ihren Weg in die Zelte finden, meint Victoria Ahlén.

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada und Luise Wagner

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada


“Wir wollen mit smarten Geräten eine grandiose Schule bauen. Dabei bringen wir den Kindern bei, sich zu vernetzen und miteinander zu kommunizieren und zu lernen.”

Die Vilostrada Foundation will die Nomaden zugleich vor den schlechten Einflüssen des Internets und der Außenwelt schützen. “Wir werden ausgewählten neuen Content liefern und ein ausgeklügeltes Bildungsnetzwerk schaffen.” Der erste Schritt soll eine mobile Fußballschule werden, um die Kinder bei ihrer größten Leidenschaft zu packen. Turniere, Training und Apps für Übungen am Ball in drei Sprachen, die von den Kindern selbst organisiert werden.

Abgesehen von den virtuellen Welten, werden reale Schuhe dafür in jedem Fall auch immer gebraucht – denn die Wege der Nomaden sind weit.

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada und Luise Wagner

Foto von Joakim Ahlen/Vilostrada

Mehr Informationen und Hintergründe zur Vilostrada Foundation gibt es hier und hier. Wer die Stiftung unterstützen will, kann hier spenden.

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